Wer heute durch deutsche Neubaugebiete fährt, sieht nicht Häuser, sondern immer mehr Festungen. 
Die Gestaltung des privaten Raumes – insbesondere seine Einfriedung – ist längst mehr als eine bauliche Notwendigkeit. Sie ist ein kulturelles Statement. Wo früher niedrige Lattenzäune oder Hecken Offenheit und nachbarschaftliche Gemeinschaft signalisierten, dominieren heute massive, hohe und undurchsichtige Konstruktionen. Der trutzige Schutzwall ist zur ultimativen Absage an den ungewollten Blick geworden. 

Insulated
When driving through contemporary German suburbs today, one no longer sees houses, but fortresses.
The design of private space – especially its enclosure – has long ceased to be a mere architectural necessity. It has become a cultural statement. Where low picket fences or hedges once signaled openness and neighborly community, massive, tall, and opaque constructions now prevail. The defiant barrier has become the ultimate rejection of the unwanted gaze.  


Schutzräume – Abgrenzungen – Sehnsuchtsmauern
Über die Motive, Denkweisen und Mentalitäten hinter Schutzzäunen, Mauern und Gabionen in deutschen Wohnlandschaften
Die Serie "abgeschottet" lädt dazu ein, die Alltagsarchitektur unserer Wohnlandschaften einmal genauer zu betrachten. Sie fragt, welche Denkweisen und Mentalitäten sich in den scheinbar banalen Schutzelementen wie Zäunen, Mauern und Gabionen verbergen.
1. Sozialkritische Betrachtung: Angst, Kontrolle und die Ordnung des Eigenen
Der Drang, den privaten Raum klar zu markieren, verweist auf eine tiefer liegende deutsche Mentalität, die zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit und dem Wunsch nach Autonomie schwankt.
Das Grundstück wird zum Symbol eines geordneten Lebensentwurfs, in dem das Außen kontrolliert und das Innen geschützt bleibt.
Die massiven Einfriedungen – sei es der Gabionenwall, die blickdichte Kunststofftafel oder der zwei Meter hohe Sichtschutzzaun – sind Manifestationen eines wachsenden Misstrauens: Misstrauen gegenüber dem Fremden, dem Sozialen, dem Unvorhersehbaren.
In einer Gesellschaft, die sich seit Jahrzehnten als „Risikogesellschaft“ versteht, verschiebt sich das Sicherheitsbedürfnis vom öffentlichen in den privaten Raum.
Während der Staat abstrakte Sicherheitsversprechen gibt, wird im Alltag das Bedürfnis nach Kontrolle individualisiert.
Der Gartenzaun, früher Symbol für Nachbarschaftlichkeit („der gute Zaun macht den guten Nachbarn“), verwandelt sich in eine physische und psychologische Grenze.
Hinter ihr liegt die Illusion von Autonomie: Ich bestimme, wer ich bin, und wer Zugang hat.
Doch diese Selbstabschottung ist ambivalent. Sie offenbart zugleich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber gesellschaftlichen Veränderungen – Globalisierung, Migration, ökonomischer Druck – und eine Sehnsucht nach Überschaubarkeit in einer unübersichtlichen Welt.
Die Zäune und Mauern sind also weniger Schutzbauten als Sinnbilder einer verunsicherten Gesellschaft, die Ordnung über Offenheit stellt.
2. Architekturkritische Betrachtung: Die Sprache der Materialien und die Ästhetik der Abschottung
Architektonisch betrachtet, spiegelt sich in der Gestaltung dieser Einfriedungen eine Verrohung der Alltagsästhetik.
Gabionen – ursprünglich aus dem Ingenieurbau stammend, um Hänge zu sichern oder militärische Stellungen zu schützen – sind zu einem beliebten Element des privaten Wohnungsbaus geworden.
Sie suggerieren Dauerhaftigkeit, Widerstandsfähigkeit, Unangreifbarkeit.
Diese Materialwahl ist hochsymbolisch. Sie überträgt das Vokabular der Befestigung in den häuslichen Maßstab.
Die Grenze des Gartens wird zum Bollwerk, der Vorgarten zur Verteidigungszone. Sichtschutzwände aus Beton, Metall oder Kunststoff wirken wie Miniaturversionen urbaner Barrieren, funktional entlehnt von Industrieanlagen, Gefängnissen oder Autobahnlärmschutzwänden.
Das architektonische Ideal der Transparenz und Durchlässigkeit – lange Zeit Leitmotiv moderner Architektur – wird hier bewusst umgekehrt.
An die Stelle der Offenheit tritt das Prinzip der Kontrolle des Blicks: man will sehen, aber nicht gesehen werden.
Das Ideal der Transparenz weicht einem neuen Ideal der Undurchlässigkeit und Kontrolle.
Auch städtebaulich führt diese Entwicklung zu einer neuen Form der Zersiedelung: Siedlungen, die durch Mauern fragmentiert sind, verlieren ihre räumliche und soziale Kohärenz.
Der öffentliche Raum verarmt, wenn er nur noch als Pufferzone zwischen privaten Rückzugsorten dient.
Diese Architektur der Abgrenzung zeugt von einer „Ästhetik des Misstrauens“.
Die Form folgt hier nicht der Funktion, sondern der Angst.
In ihrer Konsequenz wird sie zur Architektur des Rückzugs – ein baulicher Ausdruck kollektiver Selbstisolation, die in der deutschen Wohlstandslandschaft eine paradoxe Schönheit entfaltet: streng, sauber, geordnet – aber hermetisch.
3. Konzeptionell-fotografische Betrachtung: Sichtbarmachung des Unsichtbaren
Die fotografische Auseinandersetzung mit diesen Bauformen eröffnet eine andere, tiefere Ebene.
Die Kamera dient hier nicht der Dokumentation im engeren Sinne, sondern der Sichtbarmachung: Sie bringt zu Vorschein, was sonst als banal und alltäglich übersehen wird – die symbolische und emotionale Aufladung dieser Strukturen.
Aus künstlerischer Perspektive sind Mauern, Gabionen und Zäune keine bloßen Objekte, sondern Träger von Bedeutungen: Sie erzählen von Angst, Stolz, Isolation, Kontrolle und Sehnsucht.
Ihre rhythmischen Strukturen, ihre Materialität, ihr Verhältnis zu Licht und Schatten bilden eine Bildsprache der Abwehr.
Ein fotografischer Blick, der nicht wertet, sondern beobachtet, kann in der Wiederholung eine formale Schönheit finden – eine Ornamentik des Misstrauens.
Reihen von Schutzwällen, die sich durch Siedlungen ziehen, ergeben grafische Kompositionen, fast abstrakt, und doch von einer beklemmenden Gleichförmigkeit.
Zugleich erlaubt die Fotografie eine subtile Ironie: Zwischen all der Strenge und Geschlossenheit treten Spuren menschlicher Präsenz hervor – kleine Variationen, individuelle Gestaltungen oder überraschende Details.
Diese subtilen Unterschiede markieren die Spannung zwischen Individualität und Normierung, zwischen Gestaltungswillen und Angst. 
So wird das fotografische Projekt selbst zu einer Form der Kritik: Es verweigert sich dem bloßen Abbild, indem es die Mentalität hinter der Form sichtbar macht. Das fotografische Sehen wird zum gesellschaftlichen Spiegel, der das Verhältnis von Schutz und Abschottung, von Schönheit und Bedrohung befragt.
Fazit
Die deutschen Schutzzäune, Mauern und Gabionen erzählen mehr über das gesellschaftliche Klima als so manches politische Manifest.
Sie verkörpern eine kollektive Haltung, in der Sicherheit zum höchsten Wert geworden ist – auch um den Preis der sozialen und ästhetischen Offenheit.
So entsteht eine stille Topografie der Angst: eine Landschaft der Selbstbegrenzung, in der die Grenze zur zentralen Form des Zusammenlebens wird.
Die Serie "abgeschottet", die dies sichtbar macht, ist zugleich Beobachtung, Kommentar und Warnung:
Sie fragt, was es über uns sagt, dass wir unsere Gärten zu Festungen gemacht haben.

Spaces of Protection – Boundaries – Walls of Longing
On the motives, mindsets, and mentalities behind fences, walls, and gabions in German residential landscapes
The series Insulated invites viewers to take a closer look at the everyday architecture of our living environments.
It asks what kinds of thinking and mentality are hidden in seemingly banal protective elements such as fences, walls, and gabions.
1. A Socio-critical View: Fear, Control, and the Order of the Self
The urge to clearly mark private space points to a deeper German mentality — one oscillating between the need for security and the desire for autonomy.
The plot of land becomes a symbol of a well-ordered life plan, in which the outside is controlled and the inside remains protected.
Massive enclosures — whether gabion walls, opaque plastic panels, or two-meter privacy fences — are manifestations of growing mistrust: mistrust of the foreign, the social, the unpredictable.
In a society that has long described itself as a “risk society,” the longing for safety has shifted from the public to the private realm.
While the state offers abstract promises of protection, the need for control is increasingly individualized in everyday life.
The garden fence, once a symbol of neighbourliness (“a good fence makes a good neighbour”), has turned into a physical and psychological boundary.
Behind it lies the illusion of autonomy: I decide who I am, and who gains access.
Yet this self-insulation is ambivalent. It reveals both a feeling of powerlessness in the face of social change — globalization, migration, economic pressure — and a yearning for clarity in an increasingly complex world.
Thus, these fences and walls are less constructions of protection than symbols of an unsettled society that prefers order to openness.
2. An Architectural View: The Language of Materials and the Aesthetics of Insulation
Architecturally, the design of these enclosures reflects a coarsening of everyday aesthetics.
Gabions — originally used in civil engineering to stabilize slopes or protect military positions — have become a popular element of private housing design.
They suggest permanence, resilience, and unassailability.
This choice of material is highly symbolic: it transfers the vocabulary of fortification into the domestic sphere.
The garden boundary becomes a bulwark; the front yard, a defensive zone.
Privacy walls made of concrete, metal, or plastic resemble miniature versions of urban barriers, functionally derived from industrial sites, prisons, or motorway sound walls.
The architectural ideal of transparency and permeability — once a hallmark of modernism — is consciously reversed.
In place of openness comes control of the gaze: one wants to see, but not be seen.
Transparency gives way to a new ideal of opacity and control.
Urbanistically, this development leads to a new form of fragmentation: neighbourhoods divided by walls lose spatial and social cohesion.
Public space is impoverished when it serves only as a buffer between private retreats.
This architecture of separation bears witness to an “aesthetic of mistrust.”
Here, form follows not function, but fear.
Ultimately, it becomes an architecture of retreat — a built expression of collective self-isolation that unfolds a paradoxical beauty within Germany’s affluent landscapes: strict, clean, orderly — yet hermetic.
3. An Conceptual-Photographic View: Making the Invisible Visible
The photographic engagement with these structures opens up another, deeper dimension.
The camera does not serve documentation in the narrow sense, but revelation: it brings to light what is otherwise overlooked as banal — the symbolic and emotional charge of these forms.
From an artistic perspective, walls, gabions, and fences are not mere objects but carriers of meaning.
They speak of fear, pride, isolation, control, and longing.
Their rhythmic structures, their materiality, their play of light and shadow form a visual language of defense.
A photographic gaze that observes rather than judges can find a formal beauty in repetition — an ornamentation of mistrust.
Rows of protective walls cutting through settlements create graphic compositions, almost abstract, yet imbued with an unsettling uniformity.
At the same time, photography allows for subtle irony: amid all the rigidity and closure, traces of the human emerge — small variations, individual touches, unexpected details.
These differences mark the tension between individuality and normalization, between the will to design and the fear of exposure.
Thus, the photographic project itself becomes a form of critique: it refuses mere depiction by revealing the mentality behind form.
Photographic seeing becomes a social mirror — one that questions the relationship between protection and insulation, between beauty and threat.
Conclusion
German fences, walls, and gabions reveal more about the social climate than many political manifestos.
They embody a collective mindset in which security has become the highest value — even at the cost of social and aesthetic openness.
The result is a quiet topography of fear: a landscape of self-limitation in which the boundary itself becomes the defining form of coexistence.
The series Insulated, which makes this visible, is at once observation, commentary, and warning.
It asks what it says about us that we have turned our gardens into fortresses.

Back to Top