Plakatmotiv der Quinzaine des Réalisateurs (Cannes Film Festival), Robert Schlaug 2019


Robert Schlaug
Fotograf

Robert Schlaug arbeitet seit den 1980er Jahren an fotografischen Serien, die sich auf Landschaft, Architektur und die Veränderung menschlich geprägter Lebensräume konzentrieren. 

Seine Arbeiten widmen sich dem Alltäglichen – Orten und Strukturen, die oft übersehen werden. Mit einer präzisen, zurückhaltenden fotografischen Herangehensweise untersucht er alltägliche Architektur, Kulturlandschaften sowie die Spuren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandels. 

Ein zentrales Prinzip seines Schaffens ist der „zweite Blick“: das Vertraute wieder sichtbar zu machen. Was zunächst banal, anonym oder gar hässlich erscheint, kann bei genauerer Betrachtung unerwartete Strukturen, Rhythmen und visuelle Qualitäten offenbaren. Seit den frühen 2000er Jahren bilden serielle und typologische Ansätze den Schwerpunkt seiner Arbeit. Projekte wie *Abgestellt* Abgeschottet* *Anonymous Industrial Buildings*, *Versiegelt* *Prefabricated Garages*, *Seseña* und *Bayerns Schattenseite* untersuchen Standardisierung, Suburbanisierung, Bauweisen und den Wandel von Kulturlandschaften. 

Seine künstlerische Praxis bewegt sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und konzeptioneller Auseinandersetzung. In Arbeiten wie *Limited Area* und *Highspeed Landscape* tritt die Fotografie zudem in einen Dialog mit digitaler Abstraktion. 

Im Zentrum seines gesamten Werks stehen Raum, Wahrnehmung und Wandel – sowie das Anliegen, den Betrachter dazu einzuladen, innezuhalten, genauer hinzusehen und die uns umgebende visuelle Welt neu zu betrachten.




EXHIBITIONS

Selected exhibitions and presentations of my photographic work.
SOLO EXHIBITIONS

1982
Im Rückspiegel der Erinnerung, Teil I
Sparkasse Spalt, Germany

1984
Spalt – gestern und heute
Jugendheim, Spalt, Germany

1984
Großweingarten – gestern und heute
with Josef Kocher
Feuerwehrhaus Großweingarten, Spalt, Germany

1990
100 Jahre TSV 1890 Spalt
Stadthalle / Sparkasse Spalt, Germany

1995
Luftbilder Spalt 1958 und 1990
Sparkasse Spalt, Germany

1999
Im Rückspiegel der Erinnerung, Teil II
Raiffeisenbank Spalt, Germany

2001
Treffpunkt Europa – Gasthäuser in Irland, Andalusien und Spalt
Raiffeisenbank Spalt, Germany

2003
200 Jahre Volksschule Spalt – 75 Jahre Schulhausneubau
Volksschule Spalt, Germany

2003–2007
Spalter Photographien 1860–2004
Permanent exhibition, Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2003
125 Jahre Stadtbrauerei Spalt
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2004
Liebe zum Detail
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2004
Berliner Architektur-Kontraste
Kulturbahnhof, Spalt, Germany

2005
… allerlei Bäume
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2005–2006
Hopfengärten – Schönheit einer sterbenden Kulturlandschaft
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2005
Vier spanische Frauenportraits
Kulturbahnhof, Spalt, Germany

2006–2007
Spalt und seine Ortsteile aus der Vogelperspektive
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2006
Stadtbrauerei und Spalter Wirtshäuser im Wandel der Zeit
Kornhaus, Spalt, Germany

2006
Spalter Hopfenland – Schönheit einer vergehenden Kulturlandschaft
Deutsches Hopfenmuseum, Wolnzach, Germany

2007
Spanische Straßenlandschaften
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2007
Fertiggaragen
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2008–2009
Auf den zweiten Blick
Fotogalerie Schlenzgerhaus, Spalt, Germany

2010
SPALT ZWANZIG ZEHN
Aula der Volksschule, Spalt, Germany


GROUP EXHIBITIONS

2012
The Top 100 Exhibition
Die perfekte Belichtungsgalerie, Los Angeles, USA

2012
Open Walls
Black Box Gallery, Portland, Oregon, USA

2013
Fotoausstellung – Tour der Licher Brauerei
Gießen / Freilichtmuseum Hessenpark, Germany

2021–2023
Das Urbane im Peripheren
Europäischer Architektur-Fotografie-Wettbewerb 2021
Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main
VHS-photogalerie, Stuttgart
Zentrum für Baukultur, Mainz
Kasseler Architekturzentrum im Kulturbahnhof (KAZ im Kuba), Kassel
Deutsche Werkstätten Hellerau, Dresden


PUBLICATIONS


1984
Spalt – Hopfenstadt an der Rezat

2001/2002
Die Spalter Hauptstraße
Co-Autor: Herbert Hartmann

2009
Spanische Straßenlandschaften

2009
Spalt – damals und heute

2015
Bayerns Schattenseite – Flächenverbrauch ohne Ende?

2017
Schön oder hässlich? Fotografien urbaner Orte

2017
Architekturkontraste – Modernes Bauen in alter Umgebung

2019
Siebzig Photographien
Limited edition of 70 copies

2022
Photographien 2021/22

CATALOGUES & BROCHURES

2010
SPALT ZWANZIG ZEHN
Exhibition catalogue

2013
limited area
Brochure

2013
Black and White
Brochure

2013
Blured Sea
Brochure

2018
WHAT’S GOING ON INSIDE? – ANONYMOUS INDUSTRIAL BUILDINGS
Brochure




PRESS / MEDIA

Selected press coverage, interviews and international features on my photographic work.

PRESS

2015
Bayerns Schattenseite – Flächenverbrauch ohne Ende?
Süddeutsche Zeitung

2015
Schön hässlich
WELT am Sonntag

2015
Bayerns geballte Hässlichkeit
Bayerische Staatszeitung

2015
Trübe Aussichten für das „schön hässliche“ Betonbayern
Nordbayern




INTERNATIONAL FEATURES

2011
Robert Schlaug
PhotoArts Magazine

2012
Robert Schlaug
Lenscratch

2012
Robert Schlaug
New Landscape Photography

2012
Limited Area – Robert Schlaug
SHFT

2012
Limited Area – Robert Schlaug
CollabCubed

2013
Robert Schlaug – Limited Area
Slate

2013
Robert Schlaug
Highlike

2019
La démarche plastique de Robert Schlaug
Road to Cinema Paris

TV / RADIO / VIDEO 

2016
Buchvorstellung in „Capriccio“
BR Fernsehen – Kulturmagazin „Capriccio“

2015
TV coverage of Bayerns Schattenseite
SAT.1


 WERKBETRACHTUNG

Das Banale sehen: Robert Schlaugs Blick auf Landschaft und Architektur


Der Fotograf Robert Schlaug [1] aus Roth in Mittelfranken arbeitet seit den 1980er-Jahren an fotografischen Serien zu Heimat, Landschaft und Architektur. Sein oft kritischer Blick gilt dem Alltäglichen – den Orten, die meist unbeachtet bleiben. Seine Bilder erzählen von Veränderung, vom Verlust regionaler Baukultur und von der Suche nach einer neuen Wahrnehmung des Vertrauten.
Schlaugs Fotografie versteht sich als Chronik des Wandels und als Instrument zur kritischen Betrachtung unserer gebauten und natürlichen Umwelt. Sie thematisiert den Umgang mit Architektur, Raum und Wahrnehmung und lädt dazu ein, das Gewöhnliche bewusster zu sehen.
Sein Werk ist eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der sichtbaren Wirklichkeit – sachlich, beobachtend und zugleich fragend.


Der Wandel der Kulturlandschaft: Chronist mit kritischem Blick

1.1. Heimat- und Denkmalpflege in der Hopfenstadt Spalt

Seit 1980 sammelt Robert Schlaug historische Fotografien der Stadt Spalt und baute ein umfangreiches Archiv von Reproduktionen auf. 1982 zeigte er zusammen mit dem damaligen Kreisheimatpfleger, Dr. Willi Ulsamer, seine erste Ausstellung  „Im Rückspiegel der Erinnerung“. Seitdem folgten regelmäßig Fotoausstellungen zu den Themen „Historische Stadtfotografien“, „Stadtbildveränderungen“ und „Denkmalschutz“. Im Jahr 2003 gründete er die Fotogalerie Schlenzgerhaus, in der er immer wieder auch eigene Ausstellungen präsentierte. 1984 erschien sein erstes Buch Spalt – Hopfenstadt an der Rezat. Im Laufe der Jahre folgten weitere Publikationen



1.2. Bayerns Schattenseite: Ein kritischer Blick auf „Betonbayern“

Der 2015 erschienene Bildband Bayerns Schattenseite – Flächenverbrauch ohne Ende?  [2] stellt Schlaugs prominentestes Werk im Bereich der sozialkritischen Landschaftsfotografie dar. Über einen Zeitraum von drei Jahren dokumentierte er mit nüchterner Präzision die Realität im Tourismusland Bayern abseits der Postkartenidylle. Seine 128 typologischen Bilder zeigen die unbequemen Folgen ungezügelter Bautätigkeit: zersiedelte Landschaften, gesichtslose Gewerbeparks und Einkaufcenter auf der grünen Wiese und den gleichzeitigen Verfall historischer Ortskerne. 
Das Buch löste eine breite, überregionale Debatte aus. Es wurde in der Kultursendung Capriccio des Bayerischen Fernsehens (2016) mit einem Filmbeitrag vorgestellt und auch von führenden Tageszeitungen als politisch relevantes Zeitdokument rezipiert:
Süddeutsche Zeitung: Schlagwort „Betonbayern“ – nüchterne Bestandsaufnahme ohne Kommentare[3].
Die Welt: „Entwickelt sich Bayern zur Betonwüste?“ – Bilder als visuelles Argument gegen Zersiedelung[4].
Augsburger Allgemeine: „So hässlich kann Bayern sein“[5].
Bayerische Staatszeitung: „Bayerns geballte Hässlichkeit“ [6].
Ein wichtiger Bestandteil des Bildbandes war die Einleitung von Richard Mergner (BUND Naturschutz), der auf den täglichen Flächenverbrauch von 18 Hektar verwies und die Thematik aus fachlicher Sicht ausführlich erläuterte. [7]

2017 erschien ergänzend „Schön oder hässlich? Fotografien urbaner Orte“, in dem Schlaug 69 Fotografien urbaner Räume präsentiert. Ziel ist es, den Betrachter selbst entscheiden zu lassen, ob er Schönheit oder Hässlichkeit erkennt – und damit das eigene Sehen zu schärfen [8].
2024 griff die Zeitschrift MUH das Thema Flächenverbrauch unter dem Titel Land unter Beton nochmal auf und veröffentlichte auf mehreren Magazinseiten 32 Fotografien und ein Interview mit Robert Schlaug.


Die Kunst der Reduktion: Konzeptionelle Werke

Seit etwa 2002 verfolgt Robert Schlaug verstärkt konzeptionelle Ansätze in seiner Fotografie, die auf Reduktion, Typologie und Wahrnehmungsveränderung beruhen. Ein zentrales Motiv seiner Arbeit ist die anonyme Gestaltung von Industrie- und Zweckbauten, die Schlaug wiederholt fotografisch untersucht, um die Uniformität, Austauschbarkeit und funktionale Zweckmäßigkeit der modernen Architektur sichtbar zu machen.
Während seine dokumentarischen Arbeiten (z. B. Bayerns Schattenseite) die sozialen und landschaftlichen Folgen menschlicher Bautätigkeit thematisieren, widmet er sich in seinen konzeptionellen Serien der formalen Ästhetik des Alltäglichen.

2.1.  Schwerpunkte der fotografischen Arbeit

Robert Schlaug beschäftigt sich in seinem Werk mit den Wechselwirkungen zwischen Mensch, Landschaft und gebauter Umwelt. Seine zentralen Themen sind das Verhältnis von Mensch und Landschaft, die Alltagsarchitektur sowie die Schnittstelle zwischen Natur und menschlichem Eingriff. Für Schlaug ist Fotografie nicht bloß Dokumentation, sondern eine Form bewusster Wahrnehmung – ein Medium, das den Blick auf das Alltägliche schärfen und zum zweiten Hinsehen anregen soll. Dieses Prinzip wurde auch im Titel einer seiner Ausstellungen deutlich:  „Auf den zweiten Blick“. Es steht für das Wiederentdecken des scheinbar Banalen, das im hektischen Rhythmus der Gegenwart oft unbeachtet bleibt. Fotografie ist für ihn zugleich Vergnügen und geistige Herausforderung – eine tägliche Auseinandersetzung mit Raum, Wahrnehmung und Veränderung.

Schlaug nennt vier inhaltliche Schwerpunkte, die exemplarisch für sein Schaffen stehen. Im Mittelpunkt seiner Werkserien steht der menschliche Einfluss auf Landschaft und Umwelt. Seine Fotografien dokumentieren die Transformation natürlicher Räume durch Suburbanisierung, neue Gewerbegebiete oder großflächige Wohnsiedlungen. Sie zeigen die Ausbreitung einer uniformen Vorstadtarchitektur, die Individualität und gewachsene Ortsidentität zunehmend verdrängt, und reflektieren zugleich den Verlust urbaner Lebendigkeit im historischen Stadtkern.

Ein zweites Themenfeld bildet die Alltagsarchitektur und ihre Uniformität. Schlaug beobachtet, dass regionale Bautraditionen durch globale Materialien und technische Möglichkeiten nivelliert werden. Wo früher Bauformen Rückschlüsse auf geographische Herkunft erlaubten, herrscht heute Standardisierung und Austauschbarkeit. Zwischen Banalität und Exzentrik entsteht eine neue Form der Alltäglichkeit, die Schlaug fotografisch untersucht. Die Spannung zwischen Gleichförmigkeit und Individualität, Konformität und Abweichung ist dabei zentraler Bestandteil seines ästhetischen Interesses.

In weiteren Serien widmet sich Schlaug den Folgen von Tourismus und Immobilienboom, insbesondere in Spanien. Seine Aufnahmen veranschaulichen den Einfluss ökonomischer Zyklen auf Landschaft und Architektur – zwischen Überbauung, Leerstand und Verfall – und dokumentieren damit die Spuren menschlicher Eingriffe, die sich wie Sedimente in der Umwelt ablagern.

Mit der digitalen Werkreihen  Limited Area, Highspeed Landscape und Blured Sea erweitert Schlaug sein Repertoire um eine medienreflexive Dimension.  (s. 2.3.)

2.2. Serielle Typologien 

Eine zentrale Werkgruppe in Schlaugs Œuvre ist die Serie Serial Typologies, die auch im PHOTO/arts Magazine (2011) [9]  ausführlich besprochen wurde. Der Beitrag verortet Schlaug in der Tradition der konzeptuellen Dokumentarfotografie wie z.B. der amerikanischen New Topographic-Bewegung.  Durch Schlaugs Methode der  systematischen Wiederholung scheinbar gleicher Motive entsteht eine neue visuelle Erfahrung – ein „Paradox aus totaler Langeweile und visueller Begeisterung“. Schlaug wendet diesen Ansatz auf die Banalität des Alltags an: Fertiggaragen, Kleingärten, Vorstadthäuser, usw.

In *Prefab Garages* verwandelt Schlaug schlichte Fertiggaragen in beinahe abstrakte Kompositionen aus Linien, Flächen und Farben; die nüchterne Zweckarchitektur wird zur geometrischen Bildfläche, die das Blickfeld strukturiert und zugleich blockiert. Die Serie *Seseña*, aufgenommen in einem Neubaugebiet bei Madrid, zeigt nahezu identische Wohnblöcke, die sich erst bei genauer Betrachtung durch Nuancen in Farbe und Kontext unterscheiden. In *Allotment Gardens* schließlich dokumentiert Schlaug winterlich verlassene Kleingartenanlagen am Stadtrand, deren strenge Parzellierung die Gleichförmigkeit und zugleich Individualität menschlicher Ordnungssysteme sichtbar macht.

Der Text im PHOTO/arts Magazine betont, dass Schlaug das Alltägliche in seiner Wiederholung als ästhetisches und gesellschaftliches Phänomen begreift. Seine Fotografien zwingen den Betrachter, die Grenzen zwischen Banalität und Schönheit, Gleichheit und Differenz, Dokumentation und Abstraktion neu zu denken. Die Serien zeigen, dass selbst funktionale, unscheinbare Strukturen – Garagen, Gartenhäuser oder Vorstadthäuser – eine eigene visuelle Sprache besitzen, sobald sie aus ihrem alltäglichen Kontext herausgelöst und in eine strukturierte Serie überführt werden.

Schlaug versteht Fotografie als permanente Übung der Wahrnehmung – als Aufforderung, im Alltag genauer hinzusehen und die Umwelt jenseits routinierter Sehgewohnheiten wahrzunehmen. Sein zentrales Prinzip des „zweiten Blicks“ beschreibt die Kamera als Werkzeug, das Unsichtbares sichtbar und Banales bedeutsam macht. Damit verbunden ist eine kritische Haltung gegenüber der visuellen Überproduktion unserer Zeit: Schlaugs Bilder wollen entschleunigen, nicht überfordern. Sie fordern Stille, Konzentration und Reflexion.



2.3. Anonymous Industrial Buildings: Die Ästhetik des Zweckbaus

Die Serie Anonymous Industrial Buildings gilt als paradigmatisch für Schlaugs konzeptuelles Schaffen. Er fotografiert anonyme Industrie- und Gewerbebauten isoliert vom städtischen oder landschaftlichen Kontext. Diese strenge, sachliche Inszenierung erlaubt es dem Betrachter, die reine Form und Struktur der Gebäude wahrzunehmen, unabhängig von ihrer Funktion oder dem oft als hässlich empfundenen äußeren Erscheinungsbild.

Zentrale Merkmale und Wirkungen der Serie:
Anonymität und Uniformität: Schlaug dokumentiert die Austauschbarkeit der Bauten. Sie könnten in jeder Region stehen; ihre universelle Form verweist auf die Globalisierung der Architektur und den Verlust regionaler Identität.
Typologische Ordnung: Inspiriert von Bernd und Hilla Becher sowie den Photographen der New Topographics-Bewegung (wie z.B. Robert Adams und Lewis Baltz [29]),  ordnet Schlaug seine Fotografien seriell. So lassen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennen – subtile Variationen in Material, Farbe oder Proportion werden sichtbar.
Reduktion auf das Wesentliche: Durch die konsequente Isolation der Bauten von ihrem Umfeld werden diese „banalen“ Objekte ästhetisch erfahrbar. Der Betrachter nimmt Form, Linienführung, Texturen und Proportionen bewusst wahr.
Ästhetik des Banalen: Schlaug entzieht den Bauten ihre Alltäglichkeit und macht sie zu Studienobjekten, vor allem aber zu etwas Besonderem.

Kritische Dimension: 
Die Serie zeigt die soziale und ökonomische Realität hinter der Architektur: Zweckmäßigkeit, funktionale Ökonomie und entpersonalisierte Bedingungen werden sichtbar, ohne belehrend zu wirken.
Neben Anonymous Industrial Buildings verfolgt Schlaug das gleiche Prinzip in anderen Serien, z. B. Prefabricated Garages, All Types of Houses, Seal Soiled Area, Vacant Stores, Ghost Town und Seseña. Auch hier stehen die anonymen, oft uniformen Bauformen im Zentrum, die durch serielle Anordnung und typologische Analyse sichtbar werden.
Die Serien LOS CASTILLOS DE NUESTRO TIEMPO, LARA BEACH, NIGHTMARE BENIDORM, GRAN DESASTRE - SANTIAGO und SPANISH HOUSING CRISES  kritisieren die überdimensionierte Architektur und den maßlosen Flächenverbrauch im Konsumtourismus. Auch hier zeigt sich, dass Schlaugs Interesse an anonymer oder uniformer Architektur nicht nur ästhetisch, sondern gesellschaftlich relevant ist: Die überdimensionierten Bauten sind Ausdruck eines ökonomischen Größenwahns und entlarven u.a. die Oberflächlichkeit moderner Konsumarchitektur.
Internet-Plattformen wie Lenscratch [10]. und New Landscape Photography [11] heben hervor, wie Schlaug die anonyme Industriearchitektur als Spiegel gesellschaftlicher und ökonomischer Strukturen einsetzt. Durch die konsequente serielle Darstellung wird sichtbar, wie stark diese Bauten unsere Wahrnehmung prägen – und wie sehr wir sie im Alltag übersehen.

„Abgeschottet“ – Blick auf das Unspektakuläre

Die Serie „Abgeschottet“ erkundet das Verhältnis von Raum, Oberfläche und Struktur im Kontext zur alltäglichen Architektur. Die Kamera richtet sich auf Orte, die in ihrer funktionalen Normalität kaum Beachtung finden – Schutzzäune und Schutzmauern. In der präzisen, meist frontalen Bildanlage verwandeln sich diese unscheinbaren Motive in autonome Bildflächen, in Felder aus Farbe, Material und Rhythmus.
Die Strenge der Kompositionen – die klare Horizontlinie, die Reduktion des Blickwinkels, das Fehlen menschlicher Präsenz – verleiht den Fotografien eine fast abstrakte Qualität. Die Grenzen zwischen Dokumentation und Konstruktion beginnen zu verschwimmen: Was bleibt, ist ein präzises Spiel aus Fläche und Raum, Ordnung und Störung, Realität und Bild.
Der Blick der Kamera ist nicht wertend, sondern beobachtend. Er entzieht die Orte ihrer alltäglichen Funktion und überführt sie in eine visuelle Sprache, die von Struktur und Form erzählt.
In dieser Konzentration auf das scheinbar Nebensächliche entsteht eine eigene ästhetische Spannung. Die Wände und Zäune werden zu Trägern von Mustern und Texturen, zu rhythmischen Kompositionen aus Linien und Flächen. Gleichzeitig bleibt eine stille Distanz spürbar – eine fotografische Kühle, die Raum lässt für Projektion und Interpretation.
Die Schutzzäune selbst wirken  funktional, entpuppen  sich aber als Ausdruck tiefer gesellschaftlicher und psychologischer Dynamiken: der Wunsch nach Distanz und Ordnung, die Angst vor Kontrollverlust, das Streben nach Sicherheit im Alltag, Deshalb ist diese Serie auch eine visuelle Studie über eine Gesellschaft, die den Schutzraum und die Abschottung perfektioniert hat, bis kaum noch Raum für Begegnung bleibt


"Abgestellt" 
(Die neueste Serie,  gegenwärtig als "Serie in Progress" konzipiert)

Mit ABGESTELLT richtet Robert Schlaug den Blick auf ein alltägliches Phänomen: die zunehmende Präsenz schwarzer Autos in der deutschen Alltagslandschaft. Vor Häusern, in Carports und Garagen, auf Straßen, Firmenparkplätzen oder vor Geschäften werden die Fahrzeuge nicht als eigenständige Objekte betrachtet, sondern in ihrer Beziehung zu ihrer jeweiligen Umgebung.
Das Auto wird Teil seiner Umgebung – manchmal als Kontrast, manchmal so eng mit ihr verbunden, dass es beinahe darin verschwindet.
Die Serie untersucht dabei die Spannung zwischen individueller Entscheidung und gesellschaftlicher Gleichförmigkeit. Modell, Ausstattung und Farbe erscheinen als persönliche Wahl, orientieren sich jedoch zugleich an zeitgenössischen Vorstellungen von Modernität, Qualität und Geschmack. Erst die fotografische Wiederholung macht sichtbar, wie aus zahlreichen individuellen Entscheidungen ein erstaunlich einheitliches Bild der Alltagslandschaft entsteht.
Damit verbindet ABGESTELLT mehrere zentrale Aspekte von Schlaugs Arbeitsweise: die Konzentration auf das scheinbar Banale, die serielle Beobachtung, das Interesse an Wiederholung und Typologie sowie die Frage, wie sich gesellschaftliche Entwicklungen in der gebauten Umwelt zeigen. Wie in anderen Werkgruppen wird ein unscheinbares Detail zum Ausgangspunkt einer weiterführenden Betrachtung unserer Gegenwart. 
.


Erweiterung des Portfolios durch digitale Bearbeitungen

In Serien wie Limited Area erweitert Schlaug seine Methode, indem er digitale Farbfelder, Gradienten und Begrenzungen einfügt, die den Blick lenken und reduzieren die visuelle Informationsflut, wodurch der Betrachter gezwungen wird, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ausgangspunkt sind alltägliche Landschaften – Straßenränder, Felder oder Vorstadträume –, die durch computergenerierte Farbflächen und lineare Übergänge verfremdet werden. Diese Eingriffe erzeugen unregelmäßige Teilungen und Flächen, die an Wände oder Klippen erinnern und die gewohnte Tiefenwirkung aufheben. Auf diese Weise entsteht eine Spannung zwischen dokumentarischer Realität und digitaler Konstruktion, zwischen Wahrnehmung und Abstraktion.

Die Serie thematisiert – wie Schlaug selbst betont – die Erfahrung von Begrenzung in einer Zeit vermeintlich unbegrenzter Möglichkeiten:

„In einer Zeit, in der man die Möglichkeiten des Menschen für grenzenlos hält, erfährt der Einzelne seine Grenzen und Begrenzungen im täglichen Leben – selbst unsere Gedanken und unsere Vorstellungskraft stoßen ständig an ihre Grenzen.“

Damit richtet sich sein Blick nicht mehr allein auf die äußere Landschaft, sondern auf die inneren Grenzen von Wahrnehmung und Bewusstsein. Die digitalen Eingriffe wirken dabei nicht als Täuschung, sondern als bewusste Störung des Sehens: Sie unterbrechen den schnellen, konsumierenden Blick und erzwingen ein Innehalten. In einer von visueller Reizüberflutung geprägten Welt wird die „Limited Area“-Serie so zu einem ästhetischen Kommentar über Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Entschleunigung.

Internationale Plattformen wie *Highlike [12] , *SHFT [13], *Slate [14] und *Collabcubed [15] heben hervor, dass Schlaug mit *Limited Area* eine Brücke zwischen dokumentarischer Präzision und digitaler Abstraktion schlägt. Seine Arbeiten werden zugleich als kritisch und kontemplativ beschrieben – als Einladung, das scheinbar Banale neu zu sehen und die Landschaft als Projektionsfläche innerer Erfahrung zu begreifen. Die Serie markiert damit eine konsequente Weiterentwicklung seines Werkes: von der fotografischen Dokumentation hin zur konzeptionellen Untersuchung der Grenzen von Wahrnehmung und Bildrealität.
Die internationale Anerkennung der Serie Limited Area gipfelte 2019 in der Auswahl eines seiner Werke mit dem Titel „limited area 37“ als Plakatmotiv der Quinzaine des Réalisateurs (Cannes Film Festival) [16].
Weitere digital bearbeitete Serie sind Highspeed Landscape und Blured Sea.

2.5. Experimentelle Verknüpfung von Malerei und Fotografie

Mit der Serie macropainting betritt Schlaug ein experimentelles Feld zwischen Malerei und Fotografie. Seit 2014 kombiniert er fotografische Verfahren mit malerischen Prozessen, indem er Schichten von Ölfarbe auf Leinwand aufträgt und deren mikroskopische Strukturen mit einer Makrolinse fotografiert. In extremer Vergrößerung entstehen abstrakte Farbräume, die wie autonome Gemälde wirken. Diese Methode vereint die taktile Qualität der Malerei mit der Präzision der Fotografie und verschiebt die Grenzen beider Medien. Die entstandenen Bilder bewegen sich zwischen materieller Textur und digitaler Abstraktion und eröffnen einen neuen Zugang zu Oberflächen, Tiefe und Farbe.



Gesamtbewertung

Robert Schlaug ist ein konzeptuell arbeitender Fotograf, der von dokumentarischen Anfängen zu einer reflektierten, medienübergreifenden Praxis gefunden hat. Seine Werke untersuchen, wie der Mensch Räume formt, verändert und wahrnimmt – von der physischen Landschaft bis zur inneren Erfahrungsgrenze. Als Chronist zeigt er den Wandel und Verlust der Kulturlandschaft (z. B. Bayerns Schattenseite), als Konzeptkünstler stellt er die Wahrnehmung des Alltäglichen infrage (z. B. Anonymous Industrial Buildings).
Ob in der seriellen Dokumentation des Alltäglichen oder in digital bearbeiteten Arbeiten: Schlaug geht es immer um das Bewusstsein des Sehens selbst. Seine Fotografie ist ein Plädoyer für Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Entschleunigung – ein „zweiter Blick“ auf eine Welt, die im visuellen Überfluss zu verschwinden droht.





Fußnoten zu Robert Schlaug

1. Das gesamte Portfolio im Internet unter: https://robertschlaug.myportfolio.com/
2. Schlaug, Bayerns Schattenseite, 2015, Verlagsdruckerei Schmidt, Neustadt a.d. Aisch
7. Schlaug, Bayerns Schattenseite,ebd.
8. Schlaug, Schön oder hässlich?, 2017.
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